Waldmuseum - 23.02.2018

Symposium zu Glashütten und Denkmälern im Wald

23.02.2018

Ein völlig anderer Blick auf historische Glashütten und Denkmälern im Wald deutschlandweit

Begeisterte Zuhörer beim ersten wissenschaftlichen Symposium im Waldmuseum
Von Marita Haller

Zwiesel. Ein voller Erfolg war das erste wissenschaftliche Symposium zu Glashütten und Denkmälern im Wald im Kulturzentrum-Waldmuseum, das die deutschlandweiten Erkenntnisse zum Thema zusammentragen sollte. Über 60 Teilnehmer waren teils von weit her angereist, um zu hören, was die hochkarätigen Referenten zu den Themen historische Glashütten und Denk-mäler im Wald zu berichten hatten. Es war die Abschlussveranstaltung der erfolgreichen Sonder-ausstellung „Denkmal im Wald – Kultur in der Natur“. 

Hoch erfreut über das überaus große Interesse begrüßten Bürgermeister Franz Xaver Steininger und Museumsleiterin Elisabeth Vogl die Teilnehmer und sie dankten allen, die zum großen Erfolg dieser Veranstaltung mit beigetragen hatten. 

Vogl hob hervor, dass die Sonderschau „Denkmal im Wald – Kultur in der Natur“ in enger und konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Regen mit Herrn Dr. Stefan Schaffner durchgeführt wurde. „Das Konzept des Symposiums nähert sich von deutschlandweiten Themen immer mehr der Lusenglashütte im Bayerischen Wald“ erklärte sie. An die erkrankte Referentin Iris Hascheck schickte sie herzliche Genesungswünsche. 

Den Auftakt übernahm Hermann Wessling, Vorsitzender des Forum Glas e.V. Bad Münder. Er vertrat beim Symposium auch die Deutsche Glastechnische Gesellschaft. Beeindruckend de-monstrierte er anhand von zahlreichen Fotos, was sein kleiner Verein mit Unterstützung von Fördergeldern in Niedersachsen nachhaltig bewerkstelligen konnte. Auf einer Wiese im Ort hatte man eine komplette Ofenanlage ausgegraben und dokumentiert. Unter dem Titel „Denkmal aktiv – Kulturerbe macht Schule“ hatten Schüler der 8. Klassen im Schuljahr 2012/13 mit Fördergel-dern der Deutschen Stiftung Denkmalschutz Bonn das Grabungsprojekt mit einem eigenen, schülergerechten und sehr erfolgreichen Programm begleitet. 

Über eine besondere Ausgrabungsstätte konnte auch Dr. Alfred Reichenberger berichten und mit Fotos belegen. Unter der Klosteranlage im Ort Wittenberg, in Sachsen-Anhalt, hatte man eine Grube mit „alchimistischem Glasabfall“ entdeckt. Man fand zum Beispiel abgesprengte Destil-lierkolben, „Dreiecks-Tiegelchen“ für die „Goldmacher“ und Stangengläser aus der Zeit der Al-chimisten in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. 

Hoch interessant waren auch die Ausführungen von Dr. Marco Heurich vom Nationalpark Baye-rischer Wald über die heutigen modernen Techniken. Mit Laser oder Radar könne man sozusa-gen aus der Flugzeugperspektive Boden- und Waldflächen analysieren. Mit dieser Methode lie-ßen sich auch verwachsene Naturdenkmäler entdecken. 

Historikerin Alice von Schnurbein stellte die noch unveröffentlichte Dissertation von Dr. Erich Gehringer vor mit dem Titel „Lokalisierung historischer Glashüttenstandorte im Bayerischen Wald, eine Darstellung der Glashüttengeschichte vom ausgehenden 13. Jahrhundert, bis in den Beginn des Industriezeitalters“. Die im Jahr 2000 vorgelegte Arbeit sei die erste wissenschaftli-che Arbeit, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine umfassende Lokalisierung historischer Glashütten-standorte im Bayerischen Wald vorzunehmen. Eine der Erkenntnisse aus dieser Arbeit sei, dass ohne Wissen um hüttenspezifische Herstellungstechniken keine 100%-ige Aussage dahingehend getroffen werden könne, wann und wo das Glas produziert wurde. Die Referentin erklärte, dass es heute wenig überprüfbare Hinweise auf einzelne Glashüttenstandorte im Bayerischen Wald gäbe. Nur durch die schriftliche überlieferte Geschichte einer Glashütte könnten etwaige Trug-schlüsse ausgeschlossen werden. Im Grunde könne man nur mit einer archäologischen Grabung an einem ermittelbaren Glashüttenstandort sowie einer umfassenden Beschäftigung mit histori-schen Quellen topographisch und geodätisch gesicherte Aussagen über einen Hüttenstandort treffen. Im Bayerischen Wald seien nur von sieben historischen Glashüttenstandorten sichtbare Spuren zu finden. Von 90 in schriftlichen Quellen erwähnten Glashütten seien 18 nicht in der bayerischen Landesvermessung erfasst, denn zum Zeitpunkt der Landesvermessung seien  diese Hütten bereits „verschwunden“ gewesen. Viele überlieferte Glashüttenstandorte gälten als hypo-thetisch. 

Nach der Mittagspause – das Team des Waldmuseums hatte die Tische festlich geschmückt und so schmeckten Gemüselasagne, Weißwurst und diverse Kuchen und Torten besonders gut – führte Elisabeth Vogl durch die Glasabteilung. 

Teil II. des Symposiums eröffnete Dr. Bettina Stoll-Tucker mit Informationen zur Ausgrabung der Lusenhütte (1550-1595) in den Jahren 1983 bis 1986. Sie hatte einst sieben Öfen und nimmt deshalb einen besonderen Stellenwert in der Geschichte der Glasherstellung dieser Region ein. Die Ausgrabung hatte sie vor gut 30 Jahren selbst geleitet und so konnte sie auch hoch interes-sante Fotos zu ihrem Vortrag beisteuern. 

Marianne und Martin Wolf berichteten über ihr geplantes Projekt einer 3D-Visualisierung der Lusenhütte im Rathaus von Neuschönau, der einzigen archäologisch ausgegrabenen und wissen-schaftlich erforschten Glashütte im Ostbayerischen Raum. „Da der Fundort im Nationalpark liegt, gibt es heute keine Möglichkeit mehr für eine erneute Ausgrabung oder am Grabungsgelände für eine touristische Form der Erschließung, daher könnte eine Rekonstruktion in visueller Form diese Einblicke sehr anschaulich widergeben“, betonte sie und rief zur ehrenamtlichen Mitarbeit auf. Humorvoll erzählte sie, wie noch 200 Jahre nach der Glashüttenzeit am Lusen die Region von einem „Dechant“ geschildert worden sei: „Die Ortslage ist in der Tat fürchterlich, denn es zeigen sich nur Berge wie Ungeheuer, fürchterliche Abgründe, Steinklippen und Wal-dungen ohne Ende – ein kleines Sibirien“

Einen spannenden und auch humorvollen Blick über die Grenze zum Thema Migration der Glasmacher über die böhmisch-bayerische Grenze im Wandel der Zeiten gewährte Frau Dr. Jitka Lněníčková. Sie hielt ihren Vortrag in deutscher Sprache. Sie wusste, dass zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert die Glashütten meist in einer Entfernung von höchstens fünf Kilometern von Handelssteigen lagen, die für eine Glashütte lebensnotwendig waren. Auch sie bekräftigte, dass viele Informationen über historische Glashütten hypothetisch seien. 

Über Graphitvorkommen im weiteren und nahen Bereich referierte der Zwieseler Geologe Fritz Pfaffl und er erfasste vor allem die Vorkommen in Zwiesel und in Langdorf. Er erklärte, dass der Graphitbergbau des Bayerischen Waldes als der älteste deutsche „Bergbau“ bezeichnet wer-den könne. Hans Schopf vom Ohetaler Verlag stellte verschiedene Bücher zum Thema Glas vor, machte auch schon neugierig auf das historische Glashüttenbuch der Autoren Marita Haller, Eli-sabeth Vogl und ihm selbst und ließ die Besucher einen alten Glashüttenbrauch nachspielen. 

Noch bevor Dr. Stefan Schaffner sein Schlusswort sprechen konnte, sprang Glasmentor Willi Steger begeistert auf und forderte die Organisatoren auf, dieses „qualitätvolle Symposium“ in Zukunft regelmäßig stattfinden zu lassen. Schaffner dankte den vortragenden „Botschaftern für unsere Tradition und Kultur“ und bekräftigte, dass es auch sein Wunsch sei, dass dieses Thema in Zukunft auch durch Exkursionen weiter lebendig gehalten werde.  

Die Referenten/Redner: Teil I: Glas und Glashüttenforschung: Hermann Wessling, Vorsitzender des Forum Glas e.V. Bad Mün-der, Auf den Spuren der ehemaligen Glashütte am Kleinen Süntel 1635-1886 – ein glasarchäologisches Projekt des Forum Glas e.V. als Beitrag zur historischen Glashüttenforschung in Niedersachsen; Dr. Alfred Reichenberger, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Landesmuseum für Vorgeschichte, Leiter Öffentlichkeitsarbeit: Alchemistisches Glas; Dr. Marco Heurich, Nationalpark Bayerischer Wald, Nationalparkprojekt: Laser- und Radarerfassung des Waldbodens zur Waldin-ventur (Analyse der Bodenfläche mit modernster Technik) - Bodendenkmälern und historischen Nutzungen auf der Spur; Alice von Schnurbein (MA), Historikerin, Ausgewählte Beispiele von Glashüttenstandorten aus der archäologischen Dissertation von Gehringer 2000, ergänzt mit Bildbeispielen von Marita und Günther Haller; Teil II: Glashütten im Bayerischen Wald – Schwer-punkt Lusenhütte: Dr. Bettina Stoll-Tucker, Abteilungsleiterin Landesmuseum, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Landesmuseum für Vorgeschichte, Zur Ausgrabung der Lusenhütte (ca. 1550-1595) von 1983 bis 1986; Muse-umsleiterin Elisabeth Vogl (MA), Glashüttenforschung im Waldmuseum Zwiesel mit Führung durch die Glasabteilung des Wald-museums; Marianne und Martin Wolf, Michael Haug, Arbeitskreis Glashütte, Heimatverein Neuschönau, zum geplanten Projekt einer 3D-Visiualisierung der Lusenhütte; Historikerin/Glasexpertin Dr. Jitka Lněníčková, Migration der Glasmacher über die böhmisch-bayerische Grenze im Wandel der Zeiten; Teil III: Denkmal im Wald – Kultur in der Natur – Eine Spurensuche: Fritz Pfaffl, Vermessungsbeamter a.D./Geologieexperte, Das Vorkommen von Graphit allgemein und bei Zwiesel und Langdorf; Schlusswort Dr. Stefan Schaffner vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Regen

Text und Foto: Marita Haller

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